Das Jubilaum der «real existierenden Anarchie»

FRIEDLISBERG - Vom 17. bis 20. August wird das 10. Open Air «Peacemountain» stattfinden. Danach wollen die Organisatoren eine kreative Pause einlegen.

VINCENZ BRUNNER

Vom 17. bis 20. August wird das Open Air «Peacemountain» auf dem Friedlisberg sein Zehnjahrjubilaum feiern. Was als kleines Geburtstagsfest begann, hat sich zu einem Anlass entwickelt, der sich in der Region fest etabliert hat.

Fur manche ist der Monat August der wichtigste des Jahres, weil dann «Peacemountain»-Zeit ist. Dann ziehen sie auf den Friedlisberg, um dort ihr Open Air aufzubauen, zu geniessen und wieder abzubauen und aufzuraumen. Einige von ihnen nehmen sich extra fur diese Zeit Ferien, andere schmieden das ganze Jahr uber Plane fur das nachste «Peacemountain». Einer von diesen Menschen ist Matthias Leuenberger, 29, Student der Ethnologie und der Umweltwissenschaften an der Uni Zurich. Er war schon beim ersten «Peacemountain» dabei und seitdem ist er vom Virus befallen. Er hat sich unseren Fragen gestellt.

Wie war denn das beim ersten Mal, wie ist das «Peacemountain» entstanden?

Matthias Leuenberger: Die Idee entstand im Jugendraum Mutschellen. Wir wollten uns damals Freiraume schaffen und etwas auf die Beine stellen. Zuerst haben wir uns alles Material, das wir brauchten (Zelte, Soundanlage usw.), gratis besorgt, beispielsweise bei der Pfadi oder dem Kuzeb Bremgarten. Als dann alles an einem Haufen auf dem Friedlisberg lag, waren wir zuerst ein bisschen ratlos. Dann haben alle begonnen, etwas aufzubauen. Die Buhne bestand noch aus einem Lastwagenanhanger und einem Heuwagen. Schliesslich kam alles gut, obwohl es kalt war und so neblig, dass man die Bands kaum sehen konnte. Wegen des grossen Aufwandes haben wir uns dann entschieden, das Open Air auf zwei Tage auszudehnen. Spater kam dann noch der Kindernachmittag am Mittwoch dazu.

Wie hat sich das «Peacemountain» uber all die Jahre entwickelt?

Es ist gewachsen. Wichtig ist mir dabei, dass sich trotz der zunehmenden Grosse keine hierarchischen Strukturen festgesetzt haben und die sozialen Prozesse immer noch gut laufen. Freiheit und Offenheit sind wichtig.

Was ist das Besondere am «Peacemountain»?

Die Art und Weise, wie es sich organisiert, wie die Leute zusammenarbeiten und doch ihr eigenes Ding machen. Ich rede gerne von «real existierender Anarchie» in diesem Zusammenhang. Es ist extrem unstrukturiert, es gibt keine vorgegebene Wege, den «Dienstweg» schon gar nicht, alles ist offen und trotzdem tragen alle gerne Verantwortung und setzen sich ein.

Woran hattest du am meisten Freude in den letzten 10 Jahren?

Gegen meine Erwartung klappte es letztes Jahr sehr gut, dass die Besucher ihr Geschirr selber abwuschen. Die Einfuhrung des Kindernachmittags war toll, denn sie sind die aktivsten und kreativsten Besucher, die es gibt. Und naturlich jeweils am Freitagabend, wenn endlich alles lauft und man einen Schritt zuruck machen kann und sich das Ganze betrachtet.

Was ist dir am «Peacemountain» besonders wichtig?

Ich habe viel gelernt auf dem Friedlisberg. Es braucht Freiraume, um Dinge ausprobieren und lernen zu konnen. Diese Freiraume kann ich am «Peacemountain» einerseits geniessen und andererseits durch das «Peacemountain» andern die Moglichkeit zu Freiraumen bieten. Deshalb mein Engagement uber so lange Zeit. Leider sind heute solche Freiraume durch ubertriebenes Sicherheitsdenken bedroht und den Jugendlichen werden zu wenige Moglichkeiten zugestanden, wie zum Beispiel in Bremgarten, wo das Kuzeb andauernd von den Behorden angefeindet wird.

Wie entsteht ein «Peacemountain»?

Es fangt mit der Nachbereitung des letzten Jahres an. Dazu treffen wir uns an einem Wochenende und diskutieren, was gut war, was besser werden sollte oder konnte. Dann finden ein bis zwei Vorbereitungswochenenden statt und alle Plane werden mehrfach uber den Haufen geworfen. Alles lauft eher chaotisch ab und trotzdem weiss man schliesslich, wer was machen wird. Fur spezielle Themen wie Finanzen oder Bands bilden sich Interessengemeinschaften.

Zwei Wochen vor dem Open Air beginnen die Ersten auf dem Friedlisberg ihre Zelte aufzuschlagen und Baumaterial herbeizuschaffen. Dann laufen wir gemeinsam uber das Feld und entscheiden, wo was zu stehen kommen soll, hier eine Bar, dort die Jam-Buhne, da die Stromgeneratoren. Als Erstes werden das Materialzelt und die Kuche aufgebaut. Die Kuche ist das Wichtigste. Jeden Abend findet eine Sitzung statt, das weitere Vorgehen wird geplant. Der Aufbau ist meine Lieblingszeit, wenn alles entsteht, der erste Sturm die Bauten pruft und das Zusammenleben zu spielen beginnt.

Wenn euch jemand beim «Peacemountain» helfen mochte, wie lauft das?

Man erreicht uns uber die Homepage www.peacemountain.ch oder indem man wahrend der Aufbauzeit auf den Friedlisberg kommt. Es gibt immer was zu tun, und jeden Abend ist eine Sitzung, wo man sich informieren kann.

Worauf freust du dich dieses Jahr besonders?

Auf die Menschen, darauf, mehr Zeit zu haben, und auf meine neue Zelt-Kreation, die ich dieses Jahr ausprobieren will. Bei den Bands freue ich mich auf die deutschen Streetfolker Kontradiction und Waltari aus den finnischen Waldern.

Es gibt Geruchte, dies sei das letzte «Peacemountain», ist das wahr?

Es ist der Wille zu einer tiefgrundigen Veranderung da. Nachstes Jahr wird es kein «Peacemountain» geben. Wir brauchen eine kreative Pause. Es existieren allerdings Ideen fur andere, teilweise kleinere Projekte. Ob es ein 11. «Peacemountain» geben wird, ist noch offen.

Vorverkauf Der Vorverkauf fur das «Peacemountain» lauft uber die Bremgarten-Dietikon-Bahn. Entweder am Schalter oder unter Tel. 0800 888 800.

Quelle: Aargauer Zeitung vom vom 27. Juli 2005


linkZurück zu Übersicht der Presseartikel