Open-Air 6. Peace-Mountain-Festival
Mehr Sonne, mehr Vorbereitung und mehr Bands brachten noch mehr Leute und noch mehr Stimmung zum Peace-Mountain-Open-Air, das von Stimmung und Liebe, statt von Namen und Geld lebt.
Kühe geben mehr Milch, wenn sie Klassik hören, angeblich. Die Freiämter Kühe hören aber vor allem Rock und andere Nettigkeiten zeitgenössischen Musikschaffens. Denn so viele Kühe und so viele Open Airs auf so kleinem Raum wie im Freiamt finden sich nicht so schnell wieder auf der Welt.
Das eine oder andere Stück von xendersno können sie vielleicht schon auswendig. Jedenfalls besingt die Oberlunkhofer Band seit Jahren das hiesige Terrain. Das Quartett eröffnet am Freitagabend das Festival (vom Kindernachmittag abgesehen), kurz nachdem der Bauer neben dem erstklassig-lauschigen Festivalgelände am Waldrand gerade noch einen Ladewagen voll Gras eingebracht hatte. 'Keep rocking in a free world' plante xendersno mit ihren Songs und Covers zwischen Neil Young und fettes Brot. Allerdings zeigten die Musiker noch deutlich mehr Einsatzfreude als die Zuhörer. Stagediver mussten sich auf später gedulden (und sich auch dann noch auf gute Freunde verlassen können). Zu gemütlich waren die Sofaecke unter dem grossen Sarasani-Zelt oder die Aussichtsplattformen über der Sarasanibühne und dem Tequilla-Bar-Hut, als dass sich alle hätten vor der Bühne drängen müssen.
'Das Chaos ist in euch', rezitierte Bassist Vincenz Brunner mit dem entsprechenden akademischen Hintergrund in der Nietzsche-Performance von xendersno. Um es zu wecken, bewährte sich dann Punk aber doch besser als Nietzsche. Damit waren zumindest die eifrigen Tänzer im Publikum gut angewärmt für die Zeugen Utopias. Die vier sind aus Luzern und liebäugeln gemäss Eigendeklaration mit der Hamburger Schule. Mit Ihren Texten - 'ich habe Gott verloren, an der Strassenecke' - sind sie zweifellos dort. Musikalisch kommen sie ganz passend zum Ort vielleicht eher rin bisschen als Maisfeld daher statt als 'Blumenfeld', will heissen einen Zacken kraftvoller.
Lauter, härter, schneller
Für die Berner Scream4 ist kraftvoll hingegen schon zu schwach. Wer seine Stücke bevorzugt nach den tot geglaubten Heavy-Metall Göttern Slayer oder Sepultura benennt, in schreienden Totenmasken auftritt und jede Idee von Melodie verbannt, macht keine Kompromisse. Sie zeigten, dass man aber auch so gut eine Konzert-Stunde füllen kann: 'Lauter, härter, schneller' schrien die wilden Tänzer in der ersten Reihe begeistert. Damit war der Konzertboden perfekt vorbereitet für die einheimischen Milk means milk, die in klassischer Formation spielen, aber musikalisch ebenfalls harte Konturen zeigen.
Grösser, schöner, farbiger
Wer dannach noch immer Energie besass und nicht mit den Finnenkerzen um die Wette rauchen mochte, konnte sich im Tanzzelt lustvollen Bewegungen hingeben. Dieses Zelt war nur ein Stern in einer weiter gewachsenen Galaxie von Zelten, Ständen und Eigenbau-Fantasie-Installationen, die rund um die grosse Lichtinstallation mitten auf dem witläufigen Gelände angeordnet waren. 20 Leute hatten eine Woche Aufbau-Arbeit geleistet und 100 weitere halfen am Festival. Neben dem grossen Sarasani-Zelt mit Sofaecke und Sarasanibühne samt ihren vielen Konzerten, der Restaurant-Meile am Waldrand und dem guten alten Tequilla-Hut zwischen Massage-Zelt und Teehäuschen verblasste die Hauptbühne beinahe ein wenig. Einzig die farbenfrohe Werbebotschaft von Sponsoren und die grimmig-wichtigen Mienen von Security-Menschen fehlten an dem erklärten Non-Kommerz-Open-Air. Besucher mit Flair für traditionelles Ambiente kamen dafür unschlagbar günstig zu einer Bratwurst.
Würde das Open-Air seinerseits Fernsehwerbung machen, so könnte die gut heussen: 'das vielleicht stimmungsvollste kleine Open-Air der Welt'. Aus klein wird langsam grösser: Eine Rekordzahl von hauptsächlich, aber keineswegs durchgehend jungen Musikfans pilgerte auf den Friedlisberg. Viele von ihnen blieben bis zum Jazz-Zmorge am Sonntag (und einige sogar bis zum Aufräumen).
Feuer, Flamme, wunderbar
Nach dem 'harten' Freitagabend war der Samstag mit sechs Bands und zahlreichen Auftritten auf der kleinen Bühne der Tag der grossen Abwechslung. So folgten etwa auf die gruselig wilden Hardrocker Treekillaz (Bäumetöter) die klassische glutheisse Flamenco-Truppe Leonor moro und auf die beschwingte Basler Ska-Combo Kalles-Kaviar. Alle fanden ihr Publikum, und alle fingen selbst Feuer an diesem ganz speziellen Open Air. Darum hat Kalles-Kaviar-Sänger Andi das letzte Wort: 'Wozu all diese grossen Festivals? Peace Mountain ist einfach liebevoll und wunderbar und es ist unglaublich schön, hier zu sein!' Üiber die sonntägliche Milchleistung der Friedlisberger Kühe ist nichts bekannt.
Quelle: Aargauer Zeitung vom 27. August 2001
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