Openair Peace Mountain

Ich ging nie hin - das Openair kam zu mir, direkt ins Bett, was ich noch heute als starkes Stück empfinde. Ich muss dem Gig allerdings mildernde Umstände zubilligen: Plakativer hätte er sich nicht ankündigen können.

«Peace Mountain », las ich auf zahlreichen Plakaten im Dorf. «Gut so», dachte ich mir, «Die Jungen sind ja immer für den Frieden, hoffentlich finden sie ihn auf diesem Friedensberg.»

Ich dachte auch an Peace-Slogans, wie «fuck for peace», wie sie in den siebziger Jahren im Schwange waren. Schön, dass sie sich nun auf den Friedensberg retten. Wohl solcher Gedanken wegen vergass ich das Kleingedruckte auf den Plakaten zu lesen.

Nächtliche Sturmböen bestrafen mich für meine Nachlässigkeit. Jede von ihnen trug ein minutenlanges, infernalisches Getobe an meine Ruhestätte, untermalt vom Wummern der Bässe. Was ein inn erliches Toben in mir auslöste, abgelöst von einem Dämmerzustand beim Abflauen der Böen. Anstandshalber wechselte der Wind nach rund zwei Stunden die Richtung, und ich schnarchte selig in den Sonntagmorgen.

Man habe das Openair vom Friedlisberg schon einige Male gehört, bemerkte meine Gemahlin beim Frühstück. Wie bitte, ein Openair auf dem Friedlisberg? «Die haben doch wochenlang Reklame dafür gemacht», erklärte sie weiter und der leise, aber unüberhörbare Vorwurf in ihrer Stimme mündete in das Wohlbekannte, «gehst du eigentlich blind durch die Welt?»

So war das also. Die Affinität der jungen zum angelsächsischen Kulturbereich und seiner Sprache in Ehren, aber den zu unserer Wohngemeinde Rudolfstetten gehörenden Weiler Friedlisberg mit Peace Mountain zu übersetzten, geht denn doch zu weit. Das schnallen wie Eingeborenen - oder sind wir jetzt Natives - nicht. Denn Friedlisberg ist gar nicht so friedlich, haben sie dort doch schon zwei Jahre Stunk, ob die Mehrklassenschule nun bleiben soll oder nicht.

In diesem Lichte stellt Peace Mountain die perfekte Verfremdung dar, der ich denn auch aufgesessen bin. Ich bin aber lernfähig: Seit dieser Nacht gehören die beiden englischen Vokabeln zu meinem festen Wortschatz. War auch nötig, folgten doch in den nächsten zehn Jahren zehn weitere Friedlisberger Nächte.

Und die Jungen machen dem Namen Jahr für Jahr Ehre: Die Freundin oder zumindest die Bierflasche im Arm, warten sie am nächsten Abend - so lange dauert ein Openair halt - schlafend und käsefarbig auf unser Mutschellen-Bähnli. Der Friede des Peace Mountain ist offensichtlich mit ihnen.

Urs von Tobel

Quelle: Nebelspalter vom vom Juni 2005


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